Wir arbeiten alle Remote

Im Januar 2013 habe ich einen tollen Job, bei einer super Firma, in einer genialen Position, mit einen Top Team gekündigt, um was neues zu machen. Das was ich wollte war meine Arbeit anders gestalten – sie nach „Werten“ zu gestalten.

Einer dieser Werte war:

Office not required!

Ich wollte arbeiten wo ich will, mit Kollegen die Arbeiten wo sie wollen und auch wann und wie viel sie wollen. Jetzt sind 1 ½ Jahre um – Zeit für einen Zusammenfassung.

remote-buchDie Firma „37signals“ hat hierzu ein Buch geschrieben: „Remote – Office not required“ – und schon zu Zeiten bei meinem vorherigem Arbeitgeber hatte ich hier verschiedene Szenarien aus dem Buch diskutiert und den Mitarbeitern die Wahl gegeben, dass sie Remote arbeiten können. Gemacht hat das zu der Zeit niemand. Ich auch nicht.

Mir war eigentlich nie klar warum nicht. In jedem Meeting wurde über die Lautstärke im Büro „gelästert“ und auch sonst gab es nie ein: „Wow, unser Büro ist wirklich der Knaller, ich bin hier lieber als irgendwo anders auf der Welt“ – obwohl das Büro wirklich sehr schön war. Die Gründe der Kollegen waren hier auch eher verwirrender als Lösungsstiftend:

  • „Wenn ich zuhause bin, bekomme ich nicht mit wenn…“
  • „Ich muss mit xyz sprechen…“
  • „Das Team braucht mich für…“
  • „Ich weiss dann nicht wie ich die Stunden buchen soll.“

Mit Florian Scholz von Mozilla habe ich öfters über dieses Thema gesprochen. Bei Mozilla gibt es zum Thema Remote eine besondere Regel:

Alle sind Remoties

Mehr zu der Mozilla Remote Idee kann man in diesem Folien „we are all remoties“ anschauen.

D.h. egal ob ich im Büro bin oder Zuhause oder im Whereverland – ich muss die gleichen Strukturen und Kommunikationswege nutzen. Kein: „Ah, was ich noch sagen wollte auf dem Flur im vorbeigehen“, kein: „Komm mal bitte schnell in mein Büro“, kein: *Rumlaufen und schauen ob alle schön arbeiten*. Stattdessen heißt es

  • Schreiben, Mail, Docs, Tippen
  • „(Über)kommunizieren“ im Chat, Tel, Videokonferenz etc. was man sich so aussucht

Seit dem Start meiner Remote Umstellung habe ich viele Dinge probiert. Manches hat funktioniert, manches nicht. Primär ging es mir selber immer darum glücklicher bei der Arbeit zu sein, bedeutet: mehr Freiheit, mehr Flexibilität, mehr Eigenverantwortlichkeit. Aber auch weniger Zeit verschwenden, weniger Meetings, weniger Fahrtzeit, mehr Effizienz.

Regeln , Meetings und der Rest zum remote Arbeiten

Aus meiner Sicht ist bei der Remotearbeit im Team das wichtigste: Regeln. Diese Regeln sollen dafür sorgen, dass niemand außen vor steht.

You can be in an office …and still be remote from others

John O’Duinn

Kommunikation ist nach meiner Erfahrung die Hauptaufgabe bei einer Remote Arbeit. Zum einen muss man die Zahl und Wichtigkeit der Meetings dahin bringen, das vorort Meetings maximal effizient sind. Status Meetings in der Summe fühlen sich für mich häufig sinnlos an. Den Status aufschreiben und in den Chat pasten ist Nachhaltiger und effizienter. Wenns sein muss auch per E-Mail.

Meetings braucht man wenn man Brainstormen muss. Schnell und durcheinander redet, wenn etwas zu hitzigen Diskussionen führt. Das hab ich noch nie per Chat und/oder Hangout hinbekommen – irgendwie achten alle bewusst oder unbewusst (ich auch) auf eine Netikette. Vielleicht fehlt aber auch einfach ein (guter) Moderator.

Das einzige Meeting das als Statusmeeting für mich Sinn macht ist das Daily Standup. Als Hangout (und ja: alle sind im Hangout, auch wenn Sie nebeneinander sitzen) funktioniert das aus meiner Erfahrung sehr gut. Auch der „Vorwurf“ das kein Teamgefühge mehr zustande kommt, kann ich nicht bestätigen. Ich hatte im letzten Jahr diverse Hangouts die lustig, freundlich, fast familiär waren.

Zum anderen muss man seine eigene Kommunikation verändern. Wenn das Team noch unsicher ist ob alles gerade läuft eher „Überkommunizieren“, also „Ich mach mir eben einen Kaffee, bin gleich wieder da“ – “ So, *schlürf* wieder da“. Die Kollegen sind dann nicht verunsichert, wenn man gerade etwas fachliches geschrieben hat und „spontan“ nicht mehr reagiert. Wenn man später länger zusammenarbeitet, ist diese Art der Überkommunikation nicht mehr nötig – alle wissen dann, da? man sich vermutlich gerade einen Kaffee holt oder dem Postboten aufmacht.

Also – was für Regeln empfehle ich::

  • Weniger Meetings, jedes Meeting ernsthaft vorher und nachher bewerten. Im zweifel für einen selbst.
  • Wenige Status Meetings
  • Mehr über Chat
  • Remote Teams die sich kennen IRL haben es leichter. Erstmal einen Monat zusammen arbeiten hilft sehr den remote Gegenüber besser einzuschätzen wenn man ihn nur noch via Text wahrnimmt.
  • Immer zwischendurch (täglich) mal die Kamera anmachen

Tools

Tools sind hilfreich, gerade für Webworker auch sehr einfach in die tägliche Arbeit zu integrieren, aber nicht alles. Wichtig ist: das Tool darf nicht den Prozess und die Kommunikation vorgeben (einer der Gründe warum ich Jira so kacke finde). In der Summe benutze ich zwei Tools wirklich:

  • Google (Docs 4 Work incl. Hangout)
  • Slack

Für mich ist Google Docs der heilige Gral der Remote Arbeit. Im Sinne der Tranzparenz – der Aktivitätsstrom zeigt hier selbst bei einem 20 Personen Team sinnvoll was ich sehen will – und auch im Sinne der Effizienz – wer das erste mal sieht wie ein Dokument an dem vier Leute gleichzeitig schreiben wächst, wer sich beim Protokoll schreiben lückenlos ergänzt und direkt im Anschluss fertige Dokument hat – der wird Docs lieben.

Kritik

Aktuell gib es wieder Kritik an der Remote Arbeit. Deutschland ist in allen Remote Arbeitsfragen hinten dran im Vergleich  zu den Rest Europas. Die Bitkom hat hier direkt mal 1500 Geschäftsführer gefragt und eine „Deutsche Remote Untersuchung“ hierzu veröffentlicht – mit traurigem Ergebnis. Anwesenheit scheint wichtiger als Effizientes Arbeiten. Na, warten wir mal 5-10 Jahre ab, dann sind die „Das war schon immer so“-Geschäftsführer der Generation Boomer im Vorruhestand und neue Ideen haben ggf. mehr Chancen.

Remote arbeiten ist für mich ein Experiment. So wie alles das ich tune. Was ist schon richtig? Was besser, was falsch, was effizienter, was ineffizienter? Mit Teams und Menschen muss man Kommunikationswege probieren. Wenn Sie nicht klappen probiert man was neues – bis man irgendwann etwas hat das (zumindest für eine gewisse Zeit) funktioniert. Wer nicht wagt seine Arbeit mit dem eigenem Team auf Remote umzustellen – der wird nicht wissen ob es nicht viel  besser ist. Bei mir ist die Remote Arbeit in jedem Fall ein Gewinn.